Artikel "Sich im Körper wieder finden"

Praxis für Psychotherapie (HP)

Dipl. Päd. Vera Schmidt-Riese



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Sich im Körper wieder finden


Nicht das Ereignis macht das Trauma aus, sondern das, was es im Körper hinterlässt. Eine traumatische Erfahrung ist durch das Erleben von Überwältigung und Hilflosigkeit gekennzeichnet. Es ist ein Fallen aus der Verbindung - zu sich selbst, zum eigenen Körper, zu anderen Menschen und zur Spiritualität.

Wenn Überlebensreaktionen wie Kampf und Flucht nicht erfolgreich zu Ende gebracht werden können, bleibt eine hohe Aktivierung als Ladung im Autonomen Nervensystem (ANS), auch wenn keine aktuelle Bedrohung mehr vorliegt. Im Überlebensmodus lebt es sich schlecht. Im Somatic Experiencing (SE) nach Peter Levine wird danach geschaut, wie diese als Traumafolge wieder entladen werden und das ANS so in einen balancierten Zustand zurückkehren kann. Oftmals ist nach einer traumatischen Erfahrung der Zugang zum eigenen Körper - als Ort des Schreckens oder der Schmerzen - erschwert. Außerdem bringt er in einer anhaltenden Dysregulation Symptome hervor. Wie finden wir zurück in unseren Körper, der von uns bewohnt werden will? Was braucht es, um wieder in eine gesunde Balance zurückzufinden?
Im SE wird der Weg über das Körpergewahrsein genommen. Das genaue Hinspüren und Versprachlichen der körperlichen Empfindungen macht es möglich, bei den Prozessen und Impulsen des Körpers zu bleiben und an der Integration eines Traumas zu arbeiten, indem Neokortex und Stammhirn in Kommunikation treten. Das Gespürte wird als Information aus dem tieferliegenden Stammhirn den höheren Hirnregionen zugänglich (Bottom Up), so kann z.B. eine Erfahrung von Sicherheit Beruhigung ins ganze System bringen. Es geht darum, sich den Körper wieder zu eigen zu machen als einzigen Ort, an dem wir Lebendigkeit erfahren können. Dies kann unter anderem geschehen durch Orientierung, Erdung und Kontakt.


Orientierung

Was auch immer an traumatischer oder verletzender Situation hinter mir liegt - es ist nicht jetzt! Es liegt in der Erinnerung, kann aber durch äußere Ereignisse (Trigger) oder Gedanken berührt werden. Allerdings haben Gedanken die Macht, Gefühle und Empfindungen im Körper nach sich zu ziehen. Denken wir an ein traumatisches Ereignis, stellt es sich in unserem Erleben wieder ein. In der Regel ist es nicht ratsam, traumatische Erfahrungen wiederholt zu erzählen, weil es mit einer hohen Aktivierung und viel Stress für das System einhergeht. Wir werden es also nicht los durch unser Erzählen, sondern wir erzählen es quasi tiefer in uns hinein.
Der sicherste Ort ist das Hier und Jetzt. Halte ich mich an die Gegenwart, können meine Augen sehen, was wirklich hier ist, was mich umgibt, wo ich mich befinde. Es ist ein Prozess der Orientierung. Es kann sich etwas in uns beruhigen, wenn wir des Raumes und der Dinge um uns herum gewahr werden. Wenn nichts davon gefährlich erscheint, können wir beginnen, uns sicherer zu fühlen.


Übung
Ich lade Sie ein, sich im Raum umzuschauen, als sähen Sie ihn das erste Mal. Seien Sie mit ihrer Neugier da zu entdecken, was Sie umgibt. Lassen Sie Ihre Kopfbewegungen der Augenbewegung folgen, gehen Sie in langsame und achtsame Bewegungen. Was können Sie in Ihrem Körper bemerken, während Sie sich auf diese Weise ganz bewusst orientieren?

Hier mit den Sinnen beginnt bereits ein Kontaktprozess, ich lasse mich durch die Sinneseindrücke erreichen, berühren und bewegen.


Erdung

„Es zieht mir den Boden unter den Füßen weg“, so wird eine traumatische Erfahrung alltagssprachlich oft beschrieben. Wir fallen ins Bodenlose. Erdung meint die Kontaktaufnahme mit dem uns tragenden Grund und ist die wirksame Gegenerfahrung. Im Haptic Gamma Embodiment, einem Behandlungsansatz, der von Marcelo Muniz entwickelt wurde, nimmt die Bearbeitung des Traumas und der damit verbundenen Gefühle einen indirekten Weg. Die Beziehung zur Schwerkraft und zum Raum wird genutzt, um den Körper eine neue Art von Stabilität erfahren zu lassen. Diese erlaubt dem System, sich wieder mehr zu öffnen, so dass automatisierte Haltemuster Veränderung erfahren können. Dadurch kann mehr Raum für die eigene Präsenz und Ausdrucksfähigkeit entstehen.

Selbstregulation kann hier am Beispiel der Erfahrung des Bodens verdeutlicht werden. Erdung wird in dieser Arbeitsweise um die Reziprozität erweitert, was bedeutet, in eine wechselseitige Beziehung mit dem Boden zu treten.


Übung

Die Füße liegen dem Boden auf und können wahrnehmen, wie der Boden sich anfühlt: Wie ist seine Temperatur, seine Oberfläche, seine Festigkeit? Sie sind eingeladen, Ihre Füße und auch Ihre Zehen ganz wach und neugierig werden zu lassen. Sie können sich dabei klar machen: „Ich berühre den Boden in meinen Füßen.“ Andersherum können Sie wahrnehmen, wie der Boden von unten Ihre Füße berührt. Der Boden empfängt Sie in Ihren Füßen. Wie weit können Sie die Berührung in Ihren Körper hineinlassen: in Ihren Fuß, in das Sprunggelenk oder auch in Ihren Unterschenkel? „Ich berühre den Boden und der Boden berührt mich“. Der Boden ist immer da. Es entsteht ein Dialog mit dem Boden, im Kontakt bildet sich das Dazwischen, ein Drittes. Die Beziehung lässt Unterstützung erfahren, der Boden trägt. Was können Sie in Ihrem Körper beobachten, wenn Sie mit dem Boden vertraut geworden sind? Wie erleben Sie Unterstützung in Ihrem Körper?


Kontakt

Verbindung bildet einen Gegenpol zur Erfahrung von Alleinsein, das in der Regel das Trauma begleitet. Es braucht ein Gegenüber, das den Raum für mich hält. Die unterstützende Präsenz eines anderen spricht, vom Nervensystem her betrachtet, den ventralen Vagus an (Polyvagaltheorie nach Stephen Porges) und ermöglicht ein Gefühl von Verbundenheit. In der professionellen Begleitung spielen Co-Regulation und Containment eine besondere Rolle. Das dysregulierte Nervensystem lässt sich durch ein ausgeglichenes Nervensystem einladen, den Weg in Richtung Regulation zu nehmen. Beruhigung erfährt das System, wenn das Gegenüber in sich ruht. Co-Regulation dient letztlich dazu, in die Selbstregulation zurückzufinden.
Der zweite Aspekt ist das Containment. Der Körper ist das Gefäß für die Gefühle. Sind die Gefühle im Verhältnis zum Körper zu groß, wird ein Überwältigtsein erfahren. Der innere Raum kann durch die Präsenz des Therapeuten Erweiterung erfahren, besonders im Berührungskontakt. Im SE wird mit einer „lauschenden“ Berührung gearbeitet, d.h. die Hände erfahren mit einem wohlwollenden Interesse, was der Körper des Klienten zeigt. Das Berührtwerden erreicht den Körper in tieferen frühen Schichten. Das Trauma wird neu verhandelt und transformiert sich in der Gleichzeitigkeit von der belasteten und der gehaltenen Erfahrung. Es schließt die Realität, dass ich jetzt bin und also überlebt habe, mit ein. Hier liegt der Ausgangspunkt, wieder Fuß zu fassen im Leben.


Peter Levine beschreibt diesen Prozess der Befreiung so: „Es ist (…) das einfache, aber lebensnotwendige Wissen „Ich bin ich“ und „Ich bin da“. Ohne dieses Gefühl zur Welt zu gehören, sind wir verloren, vom Leben abgetrennt. Wenn wir lernen, uns unserem angeborenen Wissen hinzugeben, kann es uns auf einen Heilungsweg führen, der uns in Kontakt mit unserer natürlichen Spiritualität bringt, mit unserer gottgegebenen Verbindung zum Leben.“


Dieser Fachbeitrag erschien in gekürzter Fassung im Magazin für Achtsamkeit „moment by moment“, Trauma und Transformation, Ausgabe 04/2020.